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Thüringische Landeszeitung, 31.1. 2003
Jenas Stadtmuseum öffnet zu Hanfrieds Jubiläum
Eines der sieben Wunder von Jena: Drache aus Draht und Tierknochen.
Einer Niederlage verdanken Jena und Weimar entscheidende Impulse: Als der den Protestantismus unterstützende Johann Friedrich der Großmütige - im Volksmund Hanfried genannt - 1547 in der Schlacht von Mühlberg unterlag, die Kurwürde und seine sächsischen Ländereien verlor, blieb ihm nur seine Weimarer Nebenresidenz, die zum politischen Hauptsitz wurde, aufblühte und Künstler und Baumeister anzog. Für die verlorene Universität Wittenberg gründeten Johann Friedrich und seine Söhne in Jena 1548 eine "Hohe Schule", aus der 1558 die Universität hervorging. Zur 300-Jahr-Feier der Alma mater wurde 1858 auf dem Jenaer Markt das Hanfried-Denkmal errichtet. Dahinter steht eines der wertvollsten Gebäude der Stadt - die "Alte Göhre", ein Bürgerhaus mit Grundmauern aus dem 13. Jahrhundert. Die Fundamente gehen auf die 1319 urkundlich erwähnte Marktmühle zurück, die von der Leutra angetrieben wurde. 1557 war das fünfgeschossige Haus mit spätgotischen Vorhangbogenfenstern und Fachwerkgiebel errichtet worden, das der Weinhändler und Restaurateur Paul Göhre 1897 kaufte. Er war mit seiner Weinhandlung und der Gaststätte so erfolgreich, das er 1908 das angrenzende Gebäude errichten ließ - die "Neue Göhre". Beide Häuser beherbergen heute das Jenaer Stadtmuseum, das 1988 hier eröffnet wurde. Die 2001 notwendig gewordene Totalsanierung der "Alten Göhre" - erst war nur eine Fassaden-"Reparatur" geplant - sollte längst beendet sein, doch vier in Konkurs gegangene Firmen, die am Bau beteiligt waren, und weitere Schwierigkeiten verzögerten die Arbeiten. Eigentlich wollte man das Stadtmuseum zu seinem 100. Geburtstag am heutigen 1. Februar wieder eröffnen - nun peilt Holger Nowak, Direktor der Städtischen Mussen, ein anderes Jubiläum an: den 30. Juni, den 500. Geburtstag von Johann Friedrich. Was lange währt, wird nicht nur gut - es wird besser denn je. Denn das Museumsteam hat derzeit besonders aktuelle Überlegungen angestellt: Stadtmuseen behielten bisher ihre ständigen Ausstellungen für acht bis zehn Jahre unverändert bei. Wer einmal zu Besuch kam, kommt in der Regel kein zweites Mal. Die Jugend bleibt fern, höchstens schulische Pflichtbesuche werden absolviert. Wie können wir attraktiver werden, hieß die Frage. "Uns wurde klar, wir müssen flexibler sein", sagt Nowak. Und er fügt hinzu: "Wir dürfen keine statische Schau anbieten, sondern eine sich ständig verändernde Stadtgeschichtsausstellung." So wird man dem Aufwand gerecht - die Baumaßnahmen schluckten 1,5 Millionen Euro, die Kosten für die Umgestaltung beliefen sich auf nur 400000 Euro. Zusammen mit den beteiligten Architekten und Handwerkern wurden zerlegbare Vitrinen angeschafft, die Elektrik wurde so geschickt installiert, dass überall genügend Lichtquellen zu nutzen sind. Alles ist auf wechselnde Ausstellungs-Inszenierungen ausgerichtet. Durch die Totalsanierung wurden auch zwei Etagen hinzu gewonnen. Das Treppenhaus, das alte und neue "Göhre" verbindet, wird der Besucher nicht wieder erkennen - wo es früher dunkel war, herrscht nun durch eine Glaskonstruktion im Dachbereich eine helle, freundliche Atmosphäre. Ein "Zeitstrahl" mit Leuchtdioden führt die Gäste hier mit ersten Orientierungen zu wichtigen Kultur- und Wissenschaftsdaten durch die einzelnen Etagen. Großzügig wird man im Foyer mit eingebautem Museumsshop begrüßt werden. Wo bisher der abgeschlossene Kassen-Schalter war, werden die sieben Wunder Jenas zu sehen sein - der originale Schnapphans, der bizarre Drache aus Tierknochen und Draht, die Himmelskugel aus dem Weigelschen Haus oder ein Modell der alten Camsdorfer Steinbogenbrücke. Im Raum gegenüber soll die Geschichte der "Göhre" deutlich werden, etwa mit dem neu entdeckten Holzbalken, der die Jahreszahl 1557 trägt. Die völlige Veränderung der Einrichtung wird auch daran sichtbar, dass die bislang im Entree hängenden Kopien der Lichtenhainer Fresken ebenso verschwinden werden wie auch der andernorts viel bestaunte Karzer. Schon im Eingangsbereich kann sich der Museumsgast an Computern virtuell durch die Historie Jenas bewegen. Im Keller geht es um die frühe Stadtentwicklung bis zum Mittelalter, im ersten Geschoss um die Stadt- und Universitätsentwicklung vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Die zweite Ebene bringt viele Facetten aus der Kultur-, Wissenschafts- und Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die dritte Ebene ist thematischen Sonderausstellungen aus dem reichen Fundus vorbehalten. Und im neuen Dachgeschoss wird die Museumspädagogik einziehen - hier, wo eine Deckenheizung für Wärme sorgt, sollen auch Veranstaltungen stattfinden. Neu ist ein dreidimensionaler Blick ins Saaletal mit davor liegenden Gesteinsproben, um so auch die geologische Vielfalt erlebbar zu machen. Interaktiv kann der Besucher auf einem Leuchttisch werden, sich Flussläufe, historische Kneipen oder Entwässerungssysteme aufrufen. Neue und wechselnde Themen sollen laut Holger Nowak weitere archäologische Funde, einzelne Handwerkszweige, der Weinbau oder das bisher nicht behandelte Leben der Juden in Jena sein. Natürlich wird nicht alles ausgewechselt. So wird man dem wertvollsten Stück - die Jenaer Pietà des "schönen Stils" aus dem 15. Jahrhundert - ebenso wieder begegnen wie auch der Fahne der Jenenser Urburschenschaft. Nowak, der 1982 ins Stadtmuseum kam, erinnert sich mit Stolz, wie schon zu DDR-Zeiten hier eine Schwarz-rot-goldene Fahne hing und die Burschenschafts-Forderungen vom Wartburg-Fest nach einem geeinigten Deutschland auslagen. Erhalten bleibt auch die originale Studentenkneipe "Philisterium", in der aber nur noch zu den Öffnungszeiten des Museums beköstigt wird. Als sie 1986 eingerichtet wurde, brachte das manch böse Bemerkung der SED-Bonzen ein. Hier würde das "reaktionäre Studententum" gefeiert, hieß es. Doch schmückten sich die Parteifunktionäre bei offiziellen Anlässen - etwa, als die Städtepartner aus Erlangen oder Politbüro-Mitglieder in Jena zu Gast waren - gern mit der historischen Schenke. Die Gründung des Stadtmuseums geht auf eine Initiative von 1901 des Archäologen Paul Weber (1868-1930) zurück, der es bis zu seinem Tod leitete. Sein Domizil fand es 1903 im neu erbauten Gebäude der Stadtkasse in der Weigelstraße. Weber trug durch Kauf, Tausch mit Institutionen wie der Uni-Bibliothek oder dem Germanischen Museum, durch Bergungsaktionen aus Abrisshäusern und Geschenken der Bevölkerung eine Kollektion zusammen, die 25000 Bestandseinheiten umfasste. Schwerpunkte waren neben kunsthistorisch wertvollen Objekten alle Bereiche der Kulturgeschichte, besonders der Volkskunde, Militaria zur Schlacht bei Jena 1806, zur Universitätsgeschichte und vieles mehr. Der Aufbau einer Sammlung von Topografien Jenas und Umgebung, Karten und Porträts wurde ergänzt durch Auftragswerke an Künstler und Fotografen, die das Bild der "entschwindenden Altstadt" (Paul Weber) bewahrten. 1929 kam der Siedelhof, ein Altjenaer Weinbauerngehöft, als volkskundliche Außenstelle hinzu. Nach Webers Tod wurde die Kunsthistorikerin Hanna Stirnemann, die den Bauhaus-Künstler Otto Hofmann heiratete, die erste Museumsdirektorin Deutschlands. Der Pädagoge Werner Meinhof - Vater von Ulrike Meinhof - trieb ganz im Geiste der Nazis Ahnenforschung und entdeckte, dass die Direktorin "jüdisch versippt" war (Otto Hofmann im TLZ-Interview). Hanna Stirnemann wurde 1934 entlassen, Meinhof erklomm den Chefposten 1937. Als der 1940 verstarb, wurde Oskar Schmolitzky sein Nachfolger. Bei Bombenangriffen wurden beide Museumsgebäude zerstört, nur vier Fünftel des Bestandes entkamen durch Auslagerung der Vernichtung. Schmolitzky zeigte 1949 im Prinzessinnen-Schlösschen die erste Ausstellung nach dem Krieg: "Jena im Wandel der Zeiten". Bis 1960 konnten die dortigen Räume für Sonder-Schauen genutzt werden, später musste in wechselnde Domizile ausgewichen werden, bis 1988 die "Göhre" eröffnet wurde. Hier setzte ein großer Zugewinn - besonders durch Schenkungen aus der Bevölkerung - ein. Holger Nowak, der nach der Wende und nach Maria Schmid (von 1961 bis 1981 Leiterin) und Christina Didier (von 1981 bis 1989 Leiterin) das Direktorat übernahm, träumt von einem Kunsthaus für Jena. Bis dahin zeigt die "Neue Göhre" auf zwei Etagen Kunstausstellungen. Höhepunkt wird im September die große Schau mit Werken Emil Noldes sein, der zwischen 1903 und 1933 oft in Jena weilte. Ein Glanzlicht zum 100. Jubiläum von Stadtmuseum und Kunstverein. Von Peter-Alexander Fiedler
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