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Gespräch mit General Reinhard Günzel


Stationierung fremder Soldaten auf deutschem Boden nicht mehr erforderlich!
Aula-Gespräch mit Ex-KSK-Kommandeur General Reinhard Günzel


Der Verteidiger Martin Hohmanns, Ex-KSK-Kommandeur General Reinhard Günzel, im AULA-Gespräch

AULA: Herr General, die Bundeswehr lehnt die Deutsche Wehrmacht als „traditionsunwürdig in ihrer Gesamtheit“ ab. Zunehmend werden seit einigen Jahren alle deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs und der Jahrhunderte davor, die bisher als Namensträger von Bundeswehreinrichtungen und -verbänden dienten, auf den Prüfstand gestellt und systematisch beseitigt. Das Motto lautet mittlerweile: Wer nicht Demokrat war, kann kein Traditionsträger sein! Reichen 50 Jahre für eine eigene Tradition aus?

Günzel: 50 Jahre Bundeswehr reichen natürlich für eine eigene Tradition nicht aus. Keine Armee der Welt leistet sich diesen Luxus, praktisch aus sich selbst heraus eine Tradition zu begründen. Nahezu alle europäischen und nicht-europäischen Armeen führen ihre Geschichte bis weit in Zeiten zurück, in denen von Demokratie überhaupt nicht die Rede war. Das gilt insbesondere für die britische und die französische Armee. Natürlich gibt es in der Geschichte der Wehrmacht bzw. ihrem Ehrenschild dunkle Flecken, keine Frage, aber deswegen die gesamte Wehrmacht unter ein solches Verdikt zu stellen, ist geradezu aberwitzig. Die Bilderstürmerei, die im Moment einsetzt, ist nicht nachvollziehbar. Eine Tradition wird immer begründet im Gefecht, sozusagen auf dem Schlachtfeld, aber nicht beim Stapeln von Sandsäcken, so ehrenvoll und so brav diese Dinge auch immer sein mögen. Und darum ist der Versuch, die Bundeswehr von allen Traditionen, insbesondere von den großen preußischen Traditionen, abzuschneiden, mit Sicherheit auf der ganzen Linie zum Scheitern verurteilt.

AULA: Die Bundeswehr ist seit Beginn der 1990er Jahre mit Truppenkontingenten im Ausland eingesetzt, auch im fernen Afghanistan, u. a. ist dort das KSK im Einsatz. Welchen Sinn sehen Sie in derartigen Unternehmungen, die oft nur im US-amerikanischen Interesse liegen?

Günzel: Zunächst hat sich die Bundeswehr mit dem KSK dem Einsatz in Afghanistan deswegen angeschlossen, weil dieser unter das Motto gestellt war: „Kampf gegen den internationalen Terrorismus“. Dies hat sicherlich am Anfang auch Sinn gemacht, insofern als wir gegen die sicherlich in Masse auftretenden Führer der Taliban und Al-Kaida einige Erfolge aufzuweisen hatten. Aber das war natürlich nach etwa einem Vierteljahr vorbei, und dann diente dieser Einsatz ausschließlich den höheren politischen Zwecken, zu denen ich mich nicht äußern möchte. Der weitere Einsatz in Afghanistan, der heute durchgeführt wird, ist sicherlich sehr zweischneidig. So ist es gut und richtig, dieses schwer geschundene Volk wieder aufzurichten, Entwicklungshilfe zu geben, die Polizei und überhaupt das gesamte System mit westlicher Hilfe wieder aufzubauen. Aber die andere Seite ist eben, daß Afghanistan nach wie vor ein besetztes Land ist, und von einem militärischen und politischen Erfolg ist man noch viele, viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte entfernt. Darum ist hinter diese ganze Aktion durchaus ein Fragezeichen zu machen.

AULA: Können Sie bestätigen, daß der Rauschgiftanbau in Afghanistan seit dem Zerschlagen der Taliban-Regierung wieder möglich ist und sogar von den Besatzungstruppen geduldet wird?

Günzel: Inwieweit der Rauschgiftanbau von den Besatzungstruppen geduldet wird, das will ich nicht und kann ich nicht beantworten. Sicherlich ist es richtig, daß gegen den Rauschgiftanbau nichts unternommen wird; die großen Mohnfelder sind ja mühelos auszumachen und könnten auch zerstört werden. Das macht man aber nicht, weil man sich sofort den Zorn der lokalen Fürsten zuziehen würde und einen ganz anderen Krieg hätte als den, den man vorher geführt hat. Insgesamt läßt sich sagen, daß der Rauschgiftanbau sicherlich nicht weniger geworden ist. In diesem Jahr wurde die größte Ernte verzeichnet, die jemals eingefahren worden ist.

AULA: Welche Zukunft sehen Sie in der deutschen Bundeswehr – soll sie zur Berufsarmee umgebaut und in eine reine Interventionsarmee umgewandelt werden?

Günzel: Ich bin gegen einen Umbau der Bundeswehr in eine Berufsarmee aus vielerlei Gründen. Natürlich sind Profis, insbesondere für Auslandseinsätze, einem Amateur in jeder Hinsicht überlegen. Aber der Umbau in eine Berufsarmee hat ganz erhebliche Nachteile. Das beginnt bei der Rekrutierung unseres Offiziers- und Unteroffiziersnachwuchses. Das geht über die Kostenfrage bis hin zu der Tatsache, daß man natürlich eine Berufsarmee weitaus leichter in einen Auslandseinsatz schicken würde als eine Wehrpflichtigen-Armee. Man muß natürlich immer fragen: Wer will diesen Umbau? Wer hat ein Interesse daran? Und dann wird man sehen, daß diejenigen Kräfte, die heute den Umbau in eine Berufsarmee fordern, mit Sicherheit nicht diejenigen sind, denen die Schlagkraft der deutschen Streitkräfte am Herzen liegt. Und dann muß man sofort hellwach werden.

Ich bin aus den genannten und vielen anderen Gründen für die Beibehaltung der Wehrpflicht-Armee, allerdings in einer modifizierten Form, die natürlich den Auslandseinsätzen angepaßt werden muß. Eine reine Interventions-Armee sollte die Bundeswehr in gar keinem Fall werden, hier bewegen wir uns langsam auf ein Feld, das gefährlich werden kann. Denn wenn wir die Landesverteidigung mißachten, wenn wir keine Reservisten mehr ausbilden, wenn wir nicht mehr zur Verteidigung des deutschen Vaterlandes in der Lage sind – nur mit der fragwürdigen Begründung, daß wir heute nur noch von Freunden umzingelt werden! –, dann werden wir in Zukunft sehr schnell vor der Frage stehen, ob Staat und Armee überhaupt in der Lage sind, rasch und angemessen zu reagieren.

AULA: Bereits vor vielen Jahren wurden aus politischen Gründen multinationale Verbände geschaffen (deutsch-französische Brigade, deutsch-polnisch-dänische Brigade, Eurokorps), in die die Bundeswehr integriert wurde. Halten Sie die Arbeitsweise dieser Truppen für effektiv?

Günzel: Alle diese multinationalen Verbände sind politisch sinnvoll und hilfreich – militärisch sind sie ausgesprochen schwierig zu führen und damit immer weniger effektiv als reine nationale Truppenteile und Truppenverbände. Nun, hier muß man natürlich immer prüfen, wo, wann und wofür man solche Verbände einsetzt. Insgesamt würde ich die Frage so beantworten: politisch ja, militärisch eher nein.

AULA: Wie stehen Sie – angesichts des Wegfalls der Bedrohungslage aus dem Osten – zur Notwendigkeit einer fortdauernden Stationierung fremder Soldaten auf deutschem Boden?

Günzel: Eine Stationierung fremder Soldaten auf deutschem Boden halte ich unter den heutigen politischen Bedingungen und der allgemeinen weltpolitischen Lage für nicht erforderlich. Sie hätte bestenfalls insofern ihre Berechtigung, als wir das in der vorangegangenen Frage besprochen haben, nämlich fremde Soldaten insoweit, als sie einem multinationalen oder supranationalen Großverband wie dem Eurokorps angehören. Aber ansonsten – wie in der Zeit des „Kalten Krieges“ – ist eine Stationierung von NATO-Soldaten auf deutschem Boden meines Erachtens nicht mehr erforderlich, und sie ist auch nicht notwendig, weil durch die heutigen technischen Möglichkeiten jeder Truppenteil innerhalb kürzester Zeit zu jedem beliebigen Standort verlegt werden kann.

AULA: Werden Sie in Zukunft des öfteren auf der politischen Bühne zu sehen sein und werden Sie Ihren unfreiwillig erworbenen Bekanntheitsgrad hierfür nutzen? Oder wollen Sie sich – wie Sie es einmal andeuteten – doch dem Rosenzüchten zuwenden?

Günzel: Ich bin sicherlich ein politischer Mensch, keine Frage. Aber ich werde mich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – man soll zwar mit Prognosen vorsichtig sein, wie Mark Twain gesagt hat: Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen – nicht der Parteipolitik zuwenden. In diese Schlangengrube werde ich mich sicher nicht begeben, nicht nur, weil ich dort täglich mit Leuten zusammenkommen würde und müßte, die mir fast schon einen Hautausschlag verursachen, sondern weil ich die politische Kampagne, die dann über mich hereinbrechen würde, vor allem auch meiner Familie nicht zumuten möchte. Insofern würde ich mich eher dem Gartenbau und meinen persönlichen Interessen und Hobbys hingeben als der Parteipolitik.

AULA: Seit Ihrer erzwungenen Dimittierung haben Sie bereits auf mehreren Burschenschaftshäusern referiert. Sehen Sie für die Burschenschaften konkrete Aufgaben in der heutigen Gesellschaft in Hinsicht auf politische Aufklärung, Meinungsbildung und Erziehung?

Günzel: Ich habe in der Tat mehrere Vorträge vor Burschenschaften gehalten, und ich habe mich immer auf Anhieb dort wohlgefühlt. Es war eine Haltung und eine Stimmung zu spüren, die man ansonsten in unserem Staat, in unserem Land nur noch selten in dieser Form antrifft. Aber ich kenne natürlich das Programm oder die Aufgaben der Burschenschaften zu wenig, um mich detailliert äußern zu können in Hinblick auf politische Meinungsbildung und Erziehung. Ich kann mir aber vorstellen, daß gerade in den Burschenschaften ein Geist und eine Idee vorhanden sind und propagiert werden, die ein konservatives, patriotisches Element am ehesten befördern könnten und würden. Von daher sehe ich durchaus in den Burschenschaften einen Nukleus, eine Keimzelle, für eine Veränderung in unserer Gesellschaft in dieser Richtung. Auch wenn es nur ein kleiner Mosaikstein in einem größeren noch zu schaffenden Bild ist.

AULA: Erkennen Sie eine Renaissance patriotisch-konservativer Werte in der heutigen Gesellschaft bzw. Möglichkeiten, wie man diese Werte wieder vermehrt ins öffentliche Bewußtsein bringen könnte?

Günzel: Einerseits sind die Stimmung und die patriotische Haltung in unserem Land auf einem denkbar niedrigen Punkt angelangt. Wenn ein Minister sich rühmt, die Nationalhymne nie gesungen zu haben, wenn es schon fast als ein Vergehen gilt, beim Singen der Nationalhymne die rechte Hand aufs Herz zu legen oder überhaupt nationale Gedanken und Ideen zu äußern, dann kann es eigentlich nicht mehr schlimmer werden. Und das würde allerdings bedeuten, daß das Pendel vielleicht langsam wieder in eine andere Richtung schwingen könnte. Das Problem ist dabei, wie es Winston Churchill einmal gesagt hat, daß wir leider immer zu Extremen neigen, und daß wir nun, nachdem wir alles Patriotische und Konservative verdammen, üblicherweise danach zu extrem in die andere Richtung schwenken. Ich zitiere noch einmal Winston Churchill: „Die Deutschen hat man entweder vor sich auf den Knien oder an der Kehle.“ Von daher wäre zu hoffen, daß wir Deutschen endlich einmal einen Mittelweg finden in all diesen Bereichen und Beziehungen.

AULA: Stehen Sie noch in Kontakt mit Herrn Hohmann und bestehen Überlegungen einer verstärkten zukünftigen Zusammenarbeit?

Günzel: Ich stehe nach wie vor in Kontakt zum Abgeordneten Herrn Hohmann. Wir sehen uns hin und wieder, wir telefonieren miteinander. Überlegungen zu einer verstärkten zukünftigen Zusammenarbeit bestehen nicht. Der Abgeordnete Hohmann sieht seine Zukunft nach wie vor in der CDU. Dort sehe ich sie überhaupt nicht, weil ich gerade von der CDU und den Konservativen in dieser Affäre „Hohmann“ ganz extrem enttäuscht worden bin, weitaus mehr als von den linken Gruppierungen in unserem Staat. Von daher bestehen zu einer irgendwie gearteten zukünftigen Zusammenarbeit keinerlei Überlegungen.


Quelle: DIE AULA 07-08/2004


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