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Filz und Seilschaften – ein Problem des Korporationswesens? Ein Problem bei Rot-Grün



„Schuldirektor wird man an vielen Stellen in Nordrhein-Westfalen nicht über die Ausbildung, sondern über das Parteibuch. Die richtige Parteizugehörigkeit konnte bis vor kurzem sogar darüber entscheiden, ob ein Lehrer zum Studiendirektor befördert wurde. Alles hängt von der Zustimmung der Personalräte ab, die ja nichts anderes als Vorfeldorganisationen der Parteien sind.“ (Jan Fleischhauer, Unter Linken, Rohwolt Verlag, 2009)

Man könnte anhand der obigen Formulierung des Spiegel-Redakteurs Jan Fleischhauer meinen, diese Zeit der Parteiencliquen als Erbe von Rot-Grün sei vorbei. Von wegen! Man hilft sich nach wie vor und fliegt zuweilen dabei auf.

NRW-Umweltminister Johannes Remmel von den Grünen ist Anfang April in den Verdacht geraten, er wolle seinen Grünen-Parteifreund Andreas Wiebe auf den Posten des Leiters des Landesbetriebs Wald und Forst hieven. Ein Bewerbungsverfahren, bei dem 20 bestens qualifizierte Bewerber vorstellig wurden, soll deshalb abgebrochen worden sein.

Andreas Wiebe ist Diplom-Bauingenieur, Fachrichtung Wasserbau. Er war unter anderem Leiter des Stadtreinigungsamtes in Bielefeld, Stadtkämmerer von Hamm und grüner Regierungspräsident von Detmold. Nur Förster bzw. Forstexperte ist er nicht. Das sollte man aber als Leiter des NRW-Landesbetriebs Wald und Forst sein – zumindest noch in der abgebrochenen Ausschreibung. Dort war die Voraussetzung ein „Hochschulstudium der Forstwissenschaften, Befähigung für den höheren Forstdienst und mehrjährige kaufmännische Berufserfahrung in leitender Funktion“. Das neue Ausschreibungsverfahren stellt diese Anforderung nicht mehr und würde somit dem Grünen Andreas Wiebe den Weg auf den Posten öffnen. Rainer Deppe (CDU), Sprecher des Umweltausschusses im Landtag NRW, äußerte gegenüber der Presse, die Anforderungen seien Johannes Remmels Wunschkandidaten aus der eigenen Partei angepaßt worden. Remmel sagte gegenüber der Presse, er habe keinen Einblick in das Bewerbungsverfahren und den Kreis der Bewerber. Remmel selbst soll es aber auch gewesen sein, der seinen Freund Wiebel zur Bewerbung ermuntert habe, wie das Westfalen-Blatt bereits am 1. April berichtet hatte.

Wer der neue Leiter des Landesbetriebs Wald und Forst wird, ist somit doppelt spannend. Am 10. April kommentierte das Landwirtschaftliche Wochenblatt Westfalen-Lippe die Lage treffend: „Sollten sich die Spekulationen um die Leitung des Landesbetriebes bewahrheiten, würde ein gelernter Bauingenieur Forstfachleuten vorgezogen, nachdem im ersten Verfahren ausdrücklich ein Forstfachmann gesucht wurde. Remmel müßte sich dann den Vorwurf der Vetternwirtschaft gefallen lassen.“

Zu Jan Fleischhauers Eingangszitat muß ergänzt werden: Wer in den SPD-Hochburgen im Ruhrgebiet groß geworden ist, der hat als Kind schon gelernt, daß dieser und jener Nachbar und Bekannte seine Anstellung nur bekommen hatte, „weil der doch in der SPD ist“. Das fing schon an bei der Besetzung von Hausmeisterstellen an Hauptschulen.

Man könnte sich darauf einigen, daß eine gewisse Hilfe unter „seinen eigenen Leuten“ völlig normal ist, wenn man geeignete und qualifizierte Kandidaten kennt. Aber dann sollte auch der eine nicht mit dem Finger auf den anderen zeigen, zumal in Sachen der Grünen Remmel und Wiebe ganz offensichtlich bewußt die Anforderungen zugunsten von Partienfilz nach unten geschraubt wurden.

Vielleicht merkt man sich das und behält lieber solch aktuelle Entwicklungen im Auge, wenn den Korporationen wieder einmal seitens selbsternannter „linker“ Kritiker Seilschaften vorgeworfen werden. Diese übernehmen dabei unreflektiert Standpunkte aus der Zeit von 1871 bis 1918, die damals noch vielleicht zureffend waren, aber spätestens seit der 68er-Bewegung völlig ins Gegenteil verkehrt wurden.

Abschließend zum Eingedenk mit den Worten unseres Waffenbruders Stefan Hug:  

„Heutzutage tragen nicht nur die Korporierten, sondern auch ihre Kritiker ein ‚kritik-immunes’ Erbe mit sich herum. Es ist das Erbe der Korporationskritik früherer Zeiten, hauptsächlich aus dem Zweiten Deutschen Reich – und in geringerem Maße der Weimarer Republik. Obwohl sich nicht nur die deutsche Gesellschaft, sondern auch die Stellung studentischer Verbindungen in ihr seitdem grundlegend gewandelt hat, werden die Vorwürfe früherer Zeiten kaum verändert aus den Kreisen der heutigen Korporationskritiker vorgetragen.“ (Stefan Hug, Kritik der Korporationskritik, Burschenschaftliche Blätter 2/2010)


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