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Im Gespräch mit Rainer Langhans: Jene Linken, die den Dialog verweigern, sind faschistoid


Folgendes Gespräch wurde von uns nach der Gesprächsrunde mit Rainer Langhans am 18. Mai 2011 mit dem Kommunarden geführt. Dabei berichtet er von seinem Lebensgefühl der unpolitischen 68er in der Kommune 1, kritisiert die Dialogfähigkeit der Linken und erklärt, warum er Gewalt für faschistoid hält.



Sie sollen der letzte richtige 68er sein. Es wurde viel darüber gestritten, im Rahmen des 40jährigen Jubiläums der 68er, was die Generation der 68er überhaupt ausmacht.

Rainer Langhans: Ja, da bin ich mit vielen meiner Genossen überhaupt nicht einig. Für mich war dieser 68er-Aufbruch, dieses ganz verrückte Gefühl: „Wir sind ganz anders, und die Welt ist ganz anders, als unsere Eltern uns das die ganze Zeit über vorgelebt haben“. Diese Erfahrung, die mußten wir in irgendeiner Weise natürlich auch ausdrücken, und ich meine eben, daß diese Kommune 1 das wesentliche Zentrum davon darstellte, nämlich „Wir lieben uns alle, wir können ständig miteinander, wir wissen auch alle alles von dem anderen und wir teilen alles, wir teilen uns alles mit“. Das ist für mich die zentrale 68er-Erfahrung. Jetzt würde ich sagen, ich habe sie versucht weiterzuleben, mir ist das auch bis zu einem bestimmten Grad gelungen. Viele sehen das aber nicht so. Sie sagen zum Beispiel, ich sei ein Verräter. Und ich kann noch nicht mal mehr mit meinen Leuten darüber reden, weil ich das eben sehr anders sehe und auch lebe.

Sie haben gesagt, es ging Ihnen damals eigentlich gar nicht um Rechts oder Links, das war 68 gar nicht. Meinen Sie, daß das damals viele überhaupt ähnlich gesehen haben?

Nun, die Kommune hat das ja sehr deutlich gemacht und gesagt, wir machen keine Politik in dem üblichen Sinne. Eine Zeit lang sah es so aus, als ob das auch sehr erfolgreich sei. Dieses Jahr 67 war das der Kommune damals. Da war Rudi Dutschke noch nicht so präsent, wie er dann später als der sogenannte Rädelsführer auftauchte, und dann war es aber auch vorbei.

Und da saßen wir nun und mußten uns überlegen, was wir mit dieser Erfahrung machen, wenn sie nicht fortsetzbar ist. Fortan standen die Polit-Leute im Mittelpunkt und dann schließlich die RAF, doch dies hat mit meinem 68 nichts zu tun. Meine Leute sind deshalb deprimiert. Ich bin es weniger, weil ich meine, ich konnte es weitermachen, oder dieses, was ich jedenfalls für 68 hielt, und was wir, als Kommune auch damals sehr bekannt geworden, dann auch gezeigt haben.

Wann sind denn die 68er, wir verwenden den Begriff einfach mal so weiter, wann sind die ihrer Meinung nach vom Ursprung abgekommen?

Ich glaube, es sind alle sich sehr einig, dass nach 67 alles vor die Hunde ging. Ein Jahr lang war ein sehr starkes Gefühl auch unter uns allen, und danach ging das immer weniger weit, und man überlegte dauernd, was kann man jetzt machen um da wieder hinzukommen oder um das weiterzumachen und sich nicht von den Eltern das nehmen zu lassen. Es schien ja so, als ob die Eltern da was dagegen haben und in Wirklichkeit wußten wir das nicht, und wir fanden es nicht mehr, und damit waren wir zunehmend wieder die alten Menschen und fingen dann sogar an, auch noch dieses Kriegsspiel mitzumachen, was die Eltern uns anboten. Das war ein großer Fehler und jemand, der wie ich das nicht so mitgemacht hat und gesagt hat: „Mehr mit den Frauen und kein Krieg“. Ja, der wurde dann als Verräter aus der Bewegung ausgestoßen. Das war schrecklich für mich.

68er, das hieß schon damals, aber auch bis heute, das läßt sich nicht verschweigen, das hieß auch Blockade und Niederschreien von Versammlungen Andersdenkender und auch Gewalt gegen Andersdenkende. Diese mußte man vorher natürlich pauschal als Faschisten irgendwie verunglimpfen, um gewalttätig werden zu dürfen, um eine Rechtfertigung zu haben für die sogenannte antifaschistische Notwehr. Wie haben Sie das empfunden damals oder wie empfinden Sie das heute, wenn sich Leute vielleicht auch auf dieses Erbe berufen und dann gewalttätig handeln?

In Wirklichkeit steckte dahinter, daß wir dauernd nur geschrien haben: „Wir sind doch ganz anders“. Wir haben das nur laut geschrieen. Dazu gehörte dann eben natürlich, daß wir manchmal Leute überschrien haben oder niedergeschrien haben. „Seht ihr das nicht?“, das ist eigentlich der Inhalt gewesen.

Natürlich hat man das dann versucht mit Theorien, mit politischen Konzepten, mit was weiß ich, angeblich Maoismus oder irgendwas dann auszudrücken, oder mit diesen Demonstrationen. Was heißt denn eigentlich demonstrieren? Das heißt doch, etwas Anderes und Neues aufzuzeigen – eben das, was wir eben sahen. Das ist natürlich zum Teil, da habt ihr völlig Recht, so gewesen, daß wir dann gesagt haben, was ihr da uns vorschlagt, was wir tun sollen und so weiter, das ist doch grauenhaft, das werden wir auf keinen Fall tun, sprich: Faschismus dulden, faschistisch zu sein, das werden wir nicht tun, das ist falsch und schlecht. Ihr habt das doch gerade gesehen, warum kommt ihr uns wieder damit. Und da haben die natürlich gesagt, ja, wir wollen das aber, und da haben wir gesagt, nein, das ist nicht gut, das zu wollen. Also, da haben wir uns dann gestritten. Klar!

Wer jemand anderen umbringt, ist für mich ein Versager im kommunikativen Sinne. Wir wollen doch alle leben, warum kriegt ihr das so wenig hin, und jetzt schlagt ihr uns vor, noch mal den alten Scheiß zu machen, wo das überhaupt alles nie gelaufen ist? Nein, es geht besser. Ja, und wir sind eigentlich anders, wir sind nicht diese Kommunikationsversager, wie wir uns jahrhundertelang, jahrtausendelang uns da mit unseren Kriegen eben vorgemacht haben.

Im Vorfeld dieser Veranstaltung wurden Sie von verschiedenen Personen, die sich selbst als Antifaschisten bezeichnen, bedrängt, daß Sie sich nicht mit sogenannten „Nazis“, also der Burschenschaft, öffentlich auf ein Podium stellen und diskutieren. Dabei wurde die Burschenschaft zum Beispiel pauschal mit Auschwitz oder der Tötung von Behinderten in Verbindung gebracht. Was empfinden Sie angesichts einer solchen Argumentation, die notwendige Dialoge, die Ihnen offensichtlich sehr wichtig sind, unterdrücken möchte?

Ich bin, wie gesagt, der Auffassung, wir sollten immer wieder über diese ganzen Dinge reden, und keinesfalls in einen Kriegsstatus eintreten, der immer heißt, jetzt wird nicht mehr geredet, jetzt wird zugeschlagen. Ich fand das immer falsch und die Kommune hat das nicht mitgemacht. Wir haben nicht Polizeien verdreschen wollen oder was weiß ich, oder wir haben diese ganze Gewalt auch nicht ausgeübt, im Gegenteil. Aber später wurde das dann dazu. Und für „links“ hält man eben auch eine gewisse Gewalttätigkeit, inklusive heute dieser Antifa-Gruppen, die das ja auch durchaus tun.

Aber klar, da seid ihr eben, wenn ihr so wollt, auch nicht besser als wir, die machen ihre Listen auf „Da habt ihr Gewalt gegen uns ausgeübt“, und ihr macht die Liste auf, wo die gegen euch Gewalt ausgeübt haben. Also ihr tragt eure Kriegs-, wie soll man sagen, Kriegsereignisse dann zusammen. Ich finde das alles falsch. Und ich finde, es ist alles ein Versagen von weitergehender Kommunikation, oder ein Zeichen eurer und derer Lieblosigkeit und vor allem würde ich sagen, es ist genau das Gegenteil von 68. Ich finde, da sind sie Faschisten geworden, wenn sie so sich verhalten. Gewalt ist für mich faschistoid, und das kann man wirklich laut sagen, historisch kann man das einfach leider Gottes sagen, und wenn die das auch tun, dann sind sie für mich faschistoid, sie sind das geworden, was sie nicht werden wollten, wenn sie sich so verhalten.

Diese mangelnde Dialogbereitschaft, sehen Sie die schon damals bei den 68ern auch gegeben?

Nein, da haben wir wirklich mit allen geredet und über alles geredet. Heute ist das nicht mehr der Fall, sie sind für mich da weit entfernt davon. Die heutige Linke ist viel, viel weniger gesprächsbereit und -fähig als früher.

„Wenn wir nicht miteinander reden, gibt es Krieg“ – Das sind Ihre Worte. Wie kann das Eis der Kommunikationsverweigerung gebrochen werden?

Die Realität wird es richten, die Realität ist die einer erweiterten Kommunikation. Die ganzen Kommunikationsverweigerer werden immer Außenseiter sein, also auch die Linke, und eines Tages eben verstehen, daß das so nicht weitergeht. Wenn sie es gar nicht verstehen wollen, dann werden sie halt sterben müssen dafür, also auf Deutsch „zu alt sein“ und bis dahin eben außerhalb der Gesellschaft sein.

Ansonsten, wir brauchen da gar nicht viel zu tun, es geschieht ja beides bereits. Und wenn die Linke sich aus diesen ganzen modernen Diskursen raushält, dann wird sie schlicht nichts mehr ausrichten können, nichts zu melden haben, und das ist ja leider Gottes der Fall. Die können auch mit der ganzen modernen Kommunikation wenig anfangen, wie man weiß. Ich habe das damals ja schon versucht, ich habe gesagt: „Statt hier irgendwie, was weiß ich, Leute zu kloppen, sollten wir uns Videokameras beschaffen und diese ganze moderne Kommunikation benutzen.“

Lieber Herr Langhans, vielen Dank für das Gespräch!


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