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Weihnachten 1914 – Frieden im Schützengraben


Dezember 1914. Seit Wochen liegen wir im Dreck von Ypern, Belgien. Der Krieg, der seit einigen Monaten in Europa tobt, scheint an dieser Stelle keinen Deut weiterzugehen. In den Gräben, in denen wir genauso wie der Feind die meiste Zeit ausharren müssen, versinken wir bis zum Knöchel im Morast. Manchmal sind mehr Ratten, wohlgenährt und groß wie Katzen, als Menschen in den provisorisch abgestützten Löchern, angelockt von dem Gestank der eiternden Verbände verletzter Kameraden. Seit Tagen regnet es.

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Weit weg ist die Zeit, in der wir siegessicher und parolenschwingend freiwillig in die Schlacht zogen. Obwohl erst ein knappes halbes Jahr vergangen ist, gelingt es mir nur schemenhaft im Geiste das Bild von Marianne, meiner Frau, ins Gedächtnis zu rufen. Wie stolz ist sie auf mich gewesen, als ich in der Uniform dem Ruf der Trommeln folgte. „Die Tommys sind bald erledigt, die sind schneller wieder zurück auf ihrer Insel, als der King die Unterwäsche wechseln kann! Wir sehen uns zu Weihnachten, versprochen!“ war das letzte, was ich Ihr großspurig lachend zurief. Ich schaute nicht einmal zurück, zu aufgeregt und gespannt war ich auf das Abenteuer, das vor uns lag.


Morgen ist Weihnachten, die schnieke Uniform hängt in Fetzen, dicke Schlammkrusten bedecken Gesicht und Hände. Der Blick über das Niemandsland zwischen den Fronten läßt mich erschaudern. Es sind kaum 25 Meter bis zu dem Graben der Engländer. Überall liegen Tote und Verletzte oder das, was von Ihnen noch übrig geblieben ist. Einige kann man noch wimmern, andere leise beten hören, während sich Rabenvögel und Ratten in Scharen über die menschlichen Überreste hermachen. Ich schieße einige Male verzweifelt in die Luft, doch das Getier macht keinerlei Anstalten, von seinem Weihnachtsbraten zu lassen. Ein junger Engländer, fast noch ein Kind, dem ein Bein zu fehlen scheint, schreit entsetzt auf. „Don’t shoot, don’t shoot, please!“ Der arme Teufel liegt nur wenige Meter vor unserer Stellung und doch ist es mir nicht möglich, ihm zu helfen, oder doch?


Gestern gab es Weihnachtspakete. Neben der kaiserlichen Meerschaumpfeife von der Heeresleitung, hatte Marianne alles zusammengepackt, was sie entbehren konnte: Eine alte Pferdedecke, einen selbstgestrickten Pullover und einige Paar Socken, der lang ersehnte Tabak, ein Fläschchen selbstgebrauten Kartoffelschnaps, einen Kuchen und ein gutes Stück Wurst.


Hatte Papst Benedikt XV in seiner Antrittsrede nicht um einen Waffenstillstand zu Weihnachten gebeten? Ohne ein Wort zu sagen rolle ich die Pferdedecke fest zusammen und werfe sie mit Schwung in Richtung des Verwundeten. Ungläubig hebt der Junge seinen Kopf und streckt seine zitternden Hände nach dem Stück Stoff aus. „May God bless you!“ wispert er immer wieder, während er sich abmüht, seinen zerschundenen Körper zu bedecken.


Im Graben auf der anderen Seite wird es unruhig und auch in den eigenen Reihen haben einige mein Tun bemerkt. Erschrocken blicke ich die verdreckten und vorwurfsvollen Gesichter meiner Kameraden: „Mensch, es ist doch Weihnachten!“, versuche ich verzweifelt mich zu rechtfertigen. „Wie sollen wir morgen wie von oberster Stelle befohlen die extra hergebrachten Weihnachtsbäume anzünden, wenn nur einige Meter weiter Tote liegen und Menschen sterben? Das ist doch total irrsinnig!“ Ich muß mich zügeln, um nicht durchzudrehen. Alle anderen schweigen und schauen betreten zu Boden. Karl Naumeier, Hauptmann, macht ein nachdenkliches Gesicht und schaut von einem zum anderen. Ich wage kaum zu atmen. „Hey, Tommy“, schreit er dann, „holt den Jungen da raus, wir werden nicht schießen!“ Nichts rührt sich. „Verdammt noch mal, habt Ihr verfluchten Engländer Schlamm in den Ohren?“ dröhnt es übers Feld. Wieder passiert nichts. Außer dem Gewimmer unter der alten Decke auf dem Feld ist nichts zu hören.


Ich halte es nicht mehr aus. Noch ehe mich jemand zurückhalten kann, steige ich aus dem Graben und werfe mein Gewehr zu Boden. Mit erhobenen Händen und ganz langsam gehe ich auf das Bündel Mensch zu. „Sind sie wahnsinnig, Schulz! Kommen sie sofort zurück, das ist ein Befehl!“ schreit Naumeier.


Immer noch herrscht gespannte Stille. Auf der anderen Seite im Graben sehe ich hochgereckte Köpfe, die das Geschehen verfolgen. Niemand schießt. Ich bücke mich zu dem Junge nieder, der mich ängstlich und doch voller Hoffnung anschaut. Er brabbelt zusammenhanglose Satzfetzen vor sich hin: „I’m Jerry – it’s Christmas – my leg – don’t shoot – help me – oh, my God!“ Ich rede beruhigend auf ihn ein: „Alles wird gut – it’s okay!“ Obwohl ich ahne, daß das eine Lüge ist, ist das das einzige, was mir einfällt. Ich halte Jerry das Fläschchen mit dem Kartoffelschnaps an die Lippen und hoffe, ihm so ein wenig Angst und Schmerzen zu nehmen. Dabei fange ich leise an, Weihnachtslieder zu singen.


Inzwischen sind endlich zwei englische Soldaten aus ihren Stellungen geklettert und kommen langsam näher. Mein Herz klopft bis zum Hals, als ich sehe, daß auch sie ihre Waffen am Graben ablegen. Der Größere von beiden hält etwas in der Hand. Ich kann nicht erkennen, was es ist. Etwas Kleines, rundes. Eine Handgranate? Diese verfluchten Tommys!


Im Augenwinkel sehe ich Hauptmann Naumeier stehen, der die Hand erhoben hat, um weiterhin zu zeigen, daß nicht geschossen werden soll. In den Gräben auf beiden Seiten lugt der eine oder andere behelmte Kopf neugierig vor.


Die beiden Soldaten kommen langsam näher. Immer noch sitze ich mitten auf dem Feld, den schwer verletzten Jungen, dem inzwischen die Gnade der Bewußtlosigkeit gewährt wurde, im Schoß und singe. „Stille Nacht…“ „…holy night…“ kommt von den beiden ganz leise zurück. Hatte ich richtig gehört? Ich wage immer noch nicht zu hoffe, daß diese Sache gut ausgeht.


Was trägt der Knabe da vor sich her? Erst als sie fast vor mir stehen, erkenne ich es: Es ist ein Ei! Ein großes Hühnerei. Mitten im Tod ein Symbol des Lebens. Ein Weihnachtsgeschenk! Mein ungläubiges Gesicht bringt den Langen zum Grinsen. Dann stimmt er noch einmal, dieses Mal jedoch lautstark, an: „Silent night, holy night…“ und das Weihnachtswunder geschieht.

 

Überall klettern die Soldaten aus ihren Stellungen und stimmen mit ein. Aus Hunderten Männerkehlen erklingt das über die Landesgrenzen bekannte Weihnachtslied. Stille Nacht, heilige Nacht. Die Sprachen sind verschieden, die Melodie ist gleich.


Jerry wird versorgt, er wird es schaffen, sagt der Arzt. Für ihn ist der Krieg vorbei.


(Der Weihnachtsfrieden war ein von der Befehlsebene nicht autorisierter Waffenstillstand während des Ersten Weltkrieges am 24. Dezember 1914 und an den folgenden Tagen. Er fand an weiten Teilen der Westfront statt, vor allem zwischen Deutschen und Briten, aber auch an Teilen der Ostfront.)

Entnommen aus „Draußen! – Straßenmagazin für Münster und Umland“, Heft 12/08.
 


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